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Lifthrael
10 March 2014 @ 01:28 am
Ich weiß, dieses Journal wird wohl niemand mehr lesen... Dafür war ich einfach viel zu lange inaktiv.
Aber ich muss mir gerade etwas von der Seele schreiben und daher ist es mir eigentlich relativ egal, wer es ließt, wann es gelesen wird und überhaupt...

Letztes Jahr im Sommer ist mein Bruder gestorben.
Mit 34 Jahren.

Den genauen Todeszeitpunkt wissen wir nicht. Es ist irgendwann zwischen dem 9. und 10. Juli.
Das Problem ist, dass mein Bruder zum Zeitpunkt seines Todes bei unserem Vater war. Ein Vater, der schon in meinen Kindertagen Alkoholiker war und um den Zeitpunkt des Todes unserer Mutter herum trotz jahrelanger Trockenheit wieder zum Alkoholiker wurde. Ein Mann, der sichtbar immer mehr abbaut, verwirrt ist und diverse Ereignisse nicht mehr in eine richtige Reihenfolge bringen kann.
Mein Bruder hatte eine schwere Mandelentzündung, war krankgeschrieben und kaum eine Woche vorher deswegen beim Arzt. Irgendwann in der Nacht vom 9. auf den 10. Juli ist er bei unserem Vater ins Badezimmer gegangen. Und nicht wieder heraus gekommen. Er ist dort einfach umgefallen. Meine Vermutung, nach Unterhaltungen mit einem befreundeten Arzt, ist, dass er hinter seinen entzündeten Mandeln einen Abszess hatte, den der Arzt nicht gesehen hat. Dieser Abszess ist dann aufgeplatz. Das Problem ist in diesem Fall weniger, dass man eine Blutvergiftung durch die freigesetzten Bakterien bekommt, sondern dass man schlicht und ergreifend relativ schnell erstickt...
Ich bekam also, als ich gerade in der Uni in einem Seminar saß, einen Anruf von meinem Vater, der mir direkt sagte, dass mein Bruder von uns gegangen sei. Was ich erst nicht glauben wollte, führte er auf seine Art aus und die Metapher, dass einem der Boden unter den Füßen wegbricht, bekam für mich eine völlig neue Bedeutung.
Ich machte mich natürlich sofort auf den Weg zu meinem Vater. In dem glauben, dass alles schon über die Bühne gegangen wäre und ich meinen Vater alleine in seiner Wohnung antreffen würde.
Als ich jedoch bei ihm ankam, begrüßte mich eine weit offene Wohnungstür und der Blick auf meinen toten Bruder, der halb im Badezimmer, halb im Flur lag. Ein Anblick, den ich niemals wieder vergessen werde. Ein Schock, in dem einen die Realität hart in die Magengrube tritt, den ich niemandem wünsche.
Nachdem ich mich außerhalb der Wohnung abseits heulend auf den Boden gesetzt hatte, kam relativ bald mein Vater zu mir. Was mir allerdings in keinster Weise etwas bedeutete. Ich hatte zu unserem Vater schon lange kein besonders gutes Verhältnis und ich hatte in dem Moment auch in keinster Weise das Gefühl, dass er irgendwie verstanden hatte, was in diesem Augenblick in mir zerbrochen ist. Mein Bruder war ein Teil von mir, ein Teil meiner Seele, der Mensch, der mir am nächsten und am ähnlichsten war, der stolz auf mich war, der mit mir über alles lachen und meckern konnte, der einfach derjenige war, der mich am besten verstehen konnte und mit dem ich eine Leichtigkeit verspürt habe, die ich sonst mit niemandem hatte.
Etwas später kamen auch die beiden Kriminalpolizisten, die dort Fotos aufgenommen und Spuren gesichert hatten (ein normales Prozedere, wenn ein so junger Mensch einfach stirbt), zu mir. Standadfragen, ob ich etwas zur Aufklärung beitragen könnte, eine Telefonnummer, an die ich mich wenden könnte, etc.. Kein Angebot für eine psychologische Betreuung. Danach das miterleben, wie der Bestatter ankam und meinen Bruder abholte. Ein Körper, der in einem Leichensack auf einer Art Sackkarre abtransportiert wird und der Versuch, so lange wie möglich einen Blick auf diesen wichtigen Menschen in meinem Leben zu bekommen.
In den folgenden Wochen lag es an mir mich um die Beerdigung und alles andere bürokratische zu kümmern. Etwas, dass in meinem Alter eine große körperliche und geistige Kraftanstrengung bedeutet. Die Beerdigung, bei der ich noch immer das Gefühl hatte die Starke sein zu müssen neben dem Vater, der kaum eine Regung zeigte und mehr Menschen bei der Beerdigung als ich jemals gedacht hätte.
Durch meinen Vater fehlte mir der Rückhalt, da er selber noch keinen solchen Verlust miterleben musste. Mit Freunden darüber reden... möglich. Aber entweder konnten auch sie es nicht wirklich nachvollziehen, oder ich wollte sie und mich nicht damit belasten, dass ich noch einmal das Erlebte erzähle. Mit jedem Mal, wenn ich es wieder erzähle, wird es realer. Kann ich mich schlechter davor verstecken. Findet es mich und hält es mir entgegen, so dass ich den Blick nicht abwenden kann und der Verzweiflung ins Gesicht blicken muss.

Der Grund, wieso ich es gerade jetzt niederschreiben muss?
Ich habe mich in einem Moment, in dem es mir richtig schien, selbst kasteit. Ich habe mir noch einmal die Lieder angehört, die bei seiner Trauerrede gespielt wurden. Habe mich noch einmal an Momente mit ihm erinnert, mir seine typischen Bewegungen und Mimiken vorgestellt. Habe mir noch einmal alle Gefühle, die ich für ihn hatte und habe, in mein Herz geladen und sie mit Stacheldraht umwickelt über mich hinwegrollen lassen.
Das Ergebnis war unglaubliches vermissen, ein Heulkrampf, ein Nervenzusammenbruch.
Ich vermisse meinen Bruder so sehr. Ich kann es für jemand anderen als für mich gar nicht in Worte fassen. Dies sind Gefühle, die so tief greifen, dass sie jeder Beschreibung trotzen und einfach durch ihre Reinheit existieren und so für immer in einem weiterleben.

Ich vermisse ihn so sehr.
Ich würde so vieles geben, um ihn wieder bei mir zu haben.
Es gibt so viele Momente, in denen ich es noch immer nicht fassen kann. Wenn ich mir denke, dass ich ihn anrufen muss um ihm etwas bestimmtes zu erzählen oder ihn um Rat und Hilfe zu fragen.
Es ist einfach unfaire Scheiße. Anders kann man es kaum ausdrücken.

Dies musste ich nun einmal für mich niederschreiben. Es gibt mir einen kurzen Moment Frieden. Meinem Herzen einen kleinen Moment Ruhe. Auch wenn es trotzdem keinen einzigen Tag gibt, an dem ich nicht an ihn denke und an dem ich ihn nicht vermisse.
Ein Teil meiner Seele ist für immer unter der Erde begraben. Ich kann nur versuchen, um diesen Teil herumzuleben und das entstandene Loch mit Liebe und wunderbaren Erinnerungen zu füllen, damit ich nicht irgendwann, nach einem Fehltritt, in ein bodenloses schwarzes Loch stürze.
 
 
Lifthrael
01 March 2006 @ 09:26 pm
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